Für das Schweizer Philosophie-Portal Philosophie.ch verfasste ich im Dez. 2016 einen Artikel zum Thema Zukunft. Zum Jahreswechsel wurde die Website neu gestaltet und nun ist nichts mehr zu finden. Also veröffentliche ich hier nochmals diesen Artikel samt der begonnenen Dikussion:


Das gute Leben

Wenn ich mich frage, was für ein Leben ich in der Zukunft erleben möchte, so wird meine Antwort ganz natürlich sein: Ein gutes Leben. Und nicht nur ich werde so antworten, sondern sondern sicherlich werden alle oder zumindest die meisten so antworten: Ich will ein gutes Leben leben.

Was nun dieses Gute, das wir alle haben wollen, im Konkreten ist; darüber werden die Meinungen freilich auseinandergehen. Gemeinsam bleibt allen Wünschen, dass wir sie als gut bezeichnen; auch wenn wir bei diesem Guten vorerst vielleicht auch nur das eigene vorgestellte Gute, den privaten Nutzen, im Sinn haben.

Gut soll sie schon sein, die Zukunft, die wir uns wünschen. Und auch all die Werte, die die Zukunft gut sein lassen, sollen gut sein: Wir wünschen uns eine gute Gerechtigkeit, eine gute Gesundheit, eine gute Bildung für uns und eine gute Bildung für die kommenden Generationen, die unser Leben ja bestimmen werden. Und bei allem anderen, was wir sonst noch als zugehörig zum guten Leben anführen könnten, werden wir immer das Attribut gut dazusagen oder dazudenken, denn nichts anderes als das Gute wünschen wir uns. Oder möchten Sie etwa unter einer nur so genannten Gerechtigkeit leben, die nicht wirklich gut ist, Gutes schützt und Gutes bewirkt?

Was ist das Gute?

Da wir als Menschen fragen, fragen wir natürlich mit der Frage: „Was ist das Gute?“ nach dem Guten für uns Menschen. Also: Was ist das Gute für uns Menschen. Und da wir ja nicht nur eine lächerliche Antwort finden wollen, die sich auf den unmittelbar erlebten Moment bezieht, nehmen wir auch noch die Zeit, soweit sie uns bekannt ist, in unsere Frage mit auf und fragen: Was war früher, was ist heute und was wird wohl auch in Zukunft das Gute für unser Leben sein. Was war, ist und wird gut für uns sein?

Wenn wir dann nachdenken und fleißig alle Werte, das Gute menschlicher Kultur und menschlicher Tugenden, zusammengetragen haben, können wir auch leicht fragen: Was bewirkt all dieses Gute, was bewirken all diese Werte und all diese Tugenden? Und dann kommen wir zu der peinlich einfachen Antwort: Sie fördern das menschliche Leben. Ja, das Gute ist das, was das menschliche Leben erhält und fördert. Ja! Das Gute ist gut für das menschliche Leben!

Das gute Leben

Da wir nun glücklich das Gute in einer ersten Näherung gefunden haben, können wir ja auch gleich weiter fragen, wie so ein gutes Leben wohl aussieht, was so ein gutes Leben wohl ist.

Und wir werden feststellen, dass fast alle unsere Güter von Menschen gemacht oder von Menschen gewahrt sind. Ja, es gibt fast nichts Gutes, außer man tut es! Unser gutes Leben wird also ein sehr aktives gutes Leben sein; ein aktives Leben, in dem wir das Gute nicht nur genießen werden, sondern in dem wir vielmehr das Gute vor allem tun werden. Wir werden also all das tun und verwirklichen, was dem menschlichen Leben gut und förderlich ist. Und das, was dem Leben nicht gut und förderlich ist, was dem menschlichen Leben schadet, werden wir versuchen zu unterbinden. „Was nutzt und wem nutzt das eine oder das andere Handeln, die eine oder die andere Gesetzgebung?“ wird die Frage sein, an der wir uns hierbei orientieren werden. Und die positive Antwort wird sein müssen: Es dient und es nutzt dem menschlichen Leben.

Umkehr zum Sinn

Wir merken, dass, ausgehend von der Frage nach dem guten Leben und der anfänglichen Suche, was wir denn Gutes erhalten wollen, sich unser Blick nun zur Frage gewendet hat, was wir denn Gutes tun müssen, bevor wir das Gute erhalten können. Unser Leben hat, ausgehend von unseren Wünschen, eine Aufgabe bekommen. Wir können auch sagen: Unser Leben hat in der Aufgabe der Verwirklichung des Guten einen Sinn bekommen!

Umkehr zur Vernunft

Da mag dem Einem oder der Anderen nun auffallen, dass all diese Gedanken gar nicht so sonderlich neu oder originell seien und dass das Ganze doch irgendwie schon bekannt sei und etwas mit dem Projekt der Aufklärung und der Vernunft zu tun habe und da hat die Eine oder der Andere auch ganz recht. Und wenn nun jemand gegen das Gute der begonnenen Aufklärung einwendet, dass Europa und die Welt doch schließlich gerade seit ihrem Beginn die schlimmsten menschlichen Katastrophen erlebt habe, dann hat er oder sie damit auch ganz recht. Diese traurige zeitliche Abfolge steht aber nicht in einem Ursache-Wirkung Verhältnis. Die Ursachen der menschlichen Katastrophen waren nicht die Aufklärung und die Vernunft; die Ursache war vielmehr, ganz im Gegenteil, dass die Aufklärung und Vernunft eben nicht verwirklicht wurde, sondern im Geist sehr weniger Menschen nur ein einsames Schattendasein führte.

Im Schatten, vereinsamt und vergessen, kann die Vernunft dem Menschen freilich keine große Hilfe sein; dem oder der Einzelnen vielleicht schon, aber nicht der Menschheit als Gemeinwesen.

Unsere Demokratie ist, wollen wir eine gute Zukunft haben, darauf angewiesen, dass die Vernunft von sehr, sehr vielen Menschen, alten wie jungen, gemeinsam getragen wird. Ansonsten wird die Vernunft in keiner demokratischen Wahl einen Sieg erringen können. Ansonsten wird die Vernunft sich in keinem Gemeinwesen zum Nutzen aller verwirklichen lassen.

Gute Zukunft?

Das Konzept der Demokratie baut darauf auf, dass kluge und weise Menschen eine Mehrheit stellen können. Dass kluge und weise Menschen in Zukunft eine Mehrheit stellen können, dass sie die Anliegen des guten Lebens in Wort und Tat vertreten können, ist die vorrangige Aufgabe unserer Gegenwart. Wir müssen jetzt Vernunft anbieten und jungen Menschen den Zugang zur Vernunft eröffnen, wenn wir auch in Zukunft ein gutes Leben führen wollen. Wenn wir Bildung anbieten und verwirklichen können, werden wir alle die Chance auf eine gute Zukunft haben. Und wenn nicht – dann eben nicht. Doch diese einmalige Chance auf ein gutes Leben und eine gute Zukunft wollen wir uns doch nicht entgehen lassen, oder?


Kommentare

Andreas L. sagte am 24. Dezember 2016 um 13:12 :

Speziell zur Frage, was in Zukunft das Gute für mich sein wird, habe ich mir die Frage gestellt, ob es einen Wertkern meines Selbst gibt, der jeglicher zeitlicher Veränderung widersteht. Denn wenn es ihn gibt, dann könnte ich mich einfach einmal hinsetzen, über das wirklich Wertvolle für mich nachdenken und dann ist es getan für das gesamte Leben. Wenn es den Kern aber nicht gibt, dann ist eine ständige Revision der eigenen Wertvorstellungen geboten, ein ständiges Richten der Handlungen anhand der gegeben Werturteile, die neu gebildet werden.

Wenn es nun keinen beständigen Kern gibt, dann kann es bei allzu schneller Veränderung des Wertesystems sogar dazu führen, dass jegliche Prognosen versagen, da der Induktivschluss dann versagt. Ich denke aber, dass Menschen sich langsam genug verändern, sodass immerhin die meisten Prognosen zulässig sind. Probleme sehe ich vor allem bei Entscheidungen, die ein gesamtes Leben und vor allem zukünftige Generationen betreffen, also auch politische Entscheide.


Danke für Ihre Anmerkungen, Andreas L.!

Zuerst die gute Nachricht: Ja, sofern wir es wollen, haben wir einen Wertkern unseres Selbst in uns, der jeder zeitlichen Veränderung widersteht. Denn jederzeit können wir unsere eigenen und fremden Meinungen prüfen und untersuchen, ob sie falsch sind oder ob sie möglicherweise richtig sein können. Auf diese Weise können wir unablässig durch unveränderliche Logik und Vernunft nach dem Guten suchen. Und in dieser Suche werden wir auch das bestmögliche gute Leben führen, das einem Menschen zu führen möglich ist.

Die Nachricht, die im ersten Moment, aber nur im ersten Moment, weniger schön erscheint, ist: Trotz dieses unveränderlichen Wertekerns, der Vernunft, müssen wir alle unsere eigenen und fremden Meinungen und geplanten Handlungen stets überprüfen, ob sie irrig sind oder möglicherweise gut sein können. Das sieht im ersten Moment nach unendlicher, mühsamer Arbeit aus. So schlimm ist es dann aber doch nicht, da es gar nicht so viele menschliche Meinungen gibt, die einem unendliche Prüfungsarbeit bereiten könnten. Vieles wiederholt sich. Und einmal geprüft und durchdacht können wir die betreffende Meinung dann sehr schnell identifizieren.

Nur im ersten Moment erscheint dieser Aspekt also weniger schön und vielleicht sogar abschreckend! Denn was könnten wir Schöneres und Wertvolleres in unserem Leben tun, als irrige Gedanken zu offenbaren, uns von irrigen Gedanken fernzuhalten und nach dem Guten und dem guten Leben, das wir in diesem Moment dann bereits schon verwirklichen, zu suchen?


fingerphilosoph sagte am 27. Dezember 2016 um 12:28 :

Meine Frage, die sich an diesen Text anschließt: woher wissen wir, was dem menschlichen Leben gut und förderlich ist? Kann man wirklich sagen, dass ein Mehr an „Gütern“ im Sinne von Waren gut ist? Ist ein aktives Leben wirklich gut? Vielleicht ist es für mich gut, aber nicht für die Anderen, die ich mit den von mir produzierten Gütern zumülle und mit meiner Aktivität erdrücke. Vielleicht ist etwas dem menschlichen Leben kurzfristig förderlich, schadet ihm aber auf die lange Sicht, wie bspw. die Nutzung der Atomkraft.
Ich finde, die Aussagen über das Gute in obigem Text funktionieren nur, weil der Text insgesamt sehr vage bleibt. Ein Mensch kann bspw. der Meinung sein, es ist dem menschlichen Leben förderlich, wenn die Weltbevölkerung ständig weitersteigt, während ein anderer gerade gegenteiliger Meinung ist und den Standpunkt vertritt, der Planet vertrage nur eine bestimmt Anzahl von Menschen, wenn sie ein menschliches und menschenwürdiges, also „gutes“ Leben führen wollen. Es gibt im Text keine Orientierung dahingehend, was dem menschlichen Leben denn nun tatsächlich förderlich ist.


Danke für Ihre Anmerkungen, Fingerphilosoph!

Was dem menschlichen Leben gut und förderlich ist, erkennen wir, indem wir danach suchen. Und da finden wir, um nur ein Einziges zu nennen, dass das Denken und das Nachdenken, der Gebrauch unserer Vernunft, dem menschlichen Leben gut und förderlich ist, ohne irgend jemandem dadurch zu schaden. Was dann im Konkreten, in der Handlung, gut und förderlich ist, werden wir dann auch, wenn wir ernsthaft darüber nachgedacht haben, herausfinden.

Eine Orientierung für das Gute und Förderliche? – Vertraut Eurem Denken! Prüft Eure Meinungen! Prüft auch alle fremden Meinungen, die Euch vorgetragen werden! Prüft vor allem die Meinungen, die Euch lautstark und mit großem rhetorischen Getöse vorgetragen werden! Vertraut Eurem prüfenden Denken! Vertraut Eurer Vernunft!


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